„Was zum Quant?!“ – Ausstellungseröffnung im Forum Wissen zum Quantenjahr 2025

Das Forum Wissen eröffnet am 26. März 2025 die Sonderausstellung „Was zum Quant?! Die Ausstellung zum Quantenjahr 2025 in Göttingen“. Was es dort zu entdecken gibt, erfahren Sie hier im Interview mit Dr. Sandra Potsch, Leiterin des Wissensmuseums im Forum Wissen.

Heisenberg Projekt von Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums Göttingen

Peter Heller/Forum Wissen

Vom 27. März bis 5. Oktober 2025 lädt das Forum Wissen dazu ein, die Quantenphysik zu entdecken – von ihrer Geschichte bis zur Gegenwart. Welche Rolle spielt Göttingen dabei? Und welche spielen die Geistes- und Sozialwissenschaften, Frau Dr. Potsch?

Portraitbild, Frau Dr. Sandra Potsch

Dr. Sandra Potsch 

Martin Liebetruth

Dr. Sandra Potsch: Vor 100 Jahren war Göttingen ein wichtiger Standort für die Erforschung der Quantenphysik. Zu dieser Zeit versammelten sich viele kluge Köpfe an den wachsenden physikalischen und mathematischen Instituten der Universität Göttingen. Die Quantenphysik war eines der größten Rätsel jener Zeit. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Max Planck eine winzig kleine energetische Größe auf subatomarer Ebene entdeckt: das Quant. Doch nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich diese Quanten verhielten, war bis vor 100 Jahren noch nicht erschlossen. Mit den Gesetzen der klassischen Physik ließ sich ihr Verhalten jedenfalls nicht erklären. Die Göttinger Wissenschaftler Werner Heisenberg, Pascual Jordan und Max Born näherten sich der Problematik schließlich auf neue Weise: Sie brachten ihre Theorie in die Form einer Matrizen-Rechnung. Damit ließ sich die Zusammensetzung und Funktionsweise eines Atoms und seiner Quanten nun widerspruchfrei berechnen. Die Ergebnisse hielten sie 1925 in einem Artikel, der zum Geburtsdatum der Quantenmechanik wurde und der Grund ist, weshalb nun 100 Jahre später international das Jahr der Quanten gefeiert wird.

Diese Verbindung der Quantenphysik zu Göttingen zeigen wir auch in der Ausstellung. Dabei war es uns wichtig, nicht nur die Entwicklungen im Bereich der Physik nachzuverfolgen, sondern zugleich die historischen, kulturellen, sozialen und politischen Hintergründe jener Zeit deutlich zu machen. Einer Zeit der politischen Umbrüche vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus. Einer Zeit zwischen zwei Weltkriegen, in der Vorbilder, Werte und Überzeugungen von der Realität überholt wurden und die von enormer Unsicherheit geprägt war. Nicht einmal auf die Gesetze der Physik war mehr Verlass! Der Autor Tobias Hürter hat sein 2021 erschienenes Buch über die Physik von 1895-1945 „Das Zeitalter der Unschärfe“ genannt. Das charakterisiert diese Zeit aus meiner Sicht sehr gut und wirkte sich natürlich auch auf die Forschung aus. Viele der Wissenschaftler, die in den 1920er Jahren an der Quantenphysik forschten, waren zuvor im Ersten Weltkrieg im Einsatz gewesen. Viele von ihnen mussten wenige Jahre später nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Ausland flüchten. Durch die Einbindung dieser geistes- und sozialwissenschaftlich interessanten Facetten möchten wir bewusst machen, auf welchem politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Parkett sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewegten.

Darüber hinaus wollten wir in der Ausstellung auch die Netzwerke darstellen, in denen die Forschenden weit über Göttingen hinaus zusammenarbeiteten, sich austauschten und gemeinsam die Grundlagen für die Erkenntnisse Einzelner legten. Auch Frauen wie Maria Goeppert-Mayer haben Maßgebliches dazu beigetragen. Das Fotomaterial der Ausstellung zeigt, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch privat im Austausch miteinander standen: Beim Tischtennis-Spielen, gemeinsamen Radtouren, beim Abendessen und Hausmusik-Konzerten.

An der Ausstellung haben nicht nur Physikerinnen und Physiker mitgewirkt, sondern auch Historikerinnen und Historiker, Didaktikerinnen und Diadaktiker, Künstlerinnen und Künstler sowie Spieleentwickler. Als Literaturwissenschaftlerin hat auch mir der Zugang über die kulturgeschichtlichen Kontexte jener Zeit geholfen, um mich dem Thema anzunähern. Im Begleitprogramm setzen wir diese kulturellen Annäherungen fort: Zum Beispiel mit einer musikalischen Lesung zur Frage „Wie klang die Zeit der Quanten?“. Auch eine 1920er-Jahre-Party, ein Theaterstück, ein Chanson-Abend, Spaziergänge auf den Wegen der Göttinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und eine zur Ausstellung gehörende Tischtennis-Platte auf unserem Museumsvorplatz sind im Programm.

Quantenphysik gilt als abstrakt – wie macht Ihre Ausstellung das komplexe Thema für Nicht-Fachleute erfahrbar?

Dr. Sandra Potsch: Ja, da hat sich unser Team so Einiges einfallen lassen! Die Ausstellung wird eröffnet von einem leuchtenden, interaktiven Kunstwerk von Robin Baumgarten. Es besteht aus einer Vielzahl von Spiralen, die bei Berührung ein Quantenteilchen visualisieren, das sich gleichzeitig an vielen Positionen befindet. Eine künstlerische Darstellung der sogenannten Superposition.

Die Effekte der Quantenphysik können außerdem an einer ganzen Reihe von Experimenten selbst nachvollzogen werden. Außerdem gibt es kurzweilige Videos der Tüftelakademie, die dies anschaulich erklären.

Aus den wissenschaftlichen Sammlungen der Universität sowie weiteren Archiven haben wir vielfältige Zeitzeugnisse wie originale Habilitationsschriften, Briefe, Fotos, ein Klavier oder auch historische Experimentalaufbauten zusammengebracht. Schlüsselszenen aus der Geschichte der Quantenphysik wurden vom Gestaltungsbüro Cognitio im Graphic-Novel-Stil in große Wandillustrationen überführt.

Zudem haben wir mit zwei Spieleentwicklern, einer Gruppe von Studierenden und einem Schüler drei Spiele für die Ausstellung erdacht und realisiert, die sich mit dem Phänomen der Verschränkung beschäftigen - , also der Tatsache, dass Quanten, die sich an verschiedenen Orten befinden, in ihren (Re)Aktionen miteinander verschränkt sind. Die Spiele können direkt in der Ausstellung gespielt werden. Eine Kunstklasse und eine Theater-AG haben außerdem zwei Ausstellungsstationen geschaffen, in denen sich die Besucherinnen und Besucher künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzen können: Mit einem begehbaren Kunstwerk und einer performativen Selfie-Station, die dazu einlädt, Eigenschaften der Quanten selbst zu verkörpern und als Foto oder Video festzuhalten. Eine digitale Rallye führt vom Forum Wissen zu ausgewählten Orten in der Stadt, die mit der Quantenphysik verknüpft sind.

Welche Botschaft möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung mit auf den Weg geben?

Dr. Sandra Potsch:  Die Quantenphysik ist ein Underdog: Sie ist unsichtbar und deshalb in unserem Alltag wenig präsent. Doch wenn man sich näher mit ihr befasst, stellt man fest: Sie hat unfassbaren Einfluss auf alles. Ohne sie hätte es weder den Urknall gegeben, noch gäbe es Technologien wie Laser-Scanner und Solarzellen.

Die Quantenphysik ist zugegebenermaßen auch komplex. Aber davor muss man nicht zurückschrecken. Denn gerade die Phänomene, die wir nicht auf Anhieb verstehen, können unglaubliches schöpferisches Potential freisetzen. Das bezeugen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die vor 100 Jahren an der Quantenphysik geforscht und mit unglaublicher Energie nach Erklärungen für die damals noch widersprüchlich erscheinenden Phänomene gesucht haben. Das haben aber auch die Schülerinnen und Schüler bewiesen, mit denen wir bei der Entwicklung der Ausstellung kooperiert haben. Anfangs erhielt ich viele skeptische Kommentare zu diesem Vorhaben: Wie soll ein so komplexes Thema, das in den Schul-Lehrplänen lediglich im Physik-Leistungskurs thematisiert wird, mit Schulklassen erarbeitet werden? Doch die Zusammenarbeit erwies sich als äußerst produktiv und erfrischend. Und die dabei entstandenen spielerischen und künstlerischen Ausstellungseinheiten sorgen hoffentlich auch dafür, dass unsere Besucherinnen und Besucher beim Gang durch die Ausstellung bemerken: Trotz der Komplexität kann Quantenphysik auch ohne Vorkenntnisse Spaß machen!

Herzlichen Dank für das spannende Interview, liebe Frau Dr. Potsch!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 25. März 2025, Fragen Katrin Schlotter)

Die Ausstellung zum Quantenjahr 2025 läuft vom 27. März bis 5. Oktober 2025.

Forum Wissen der Universität Göttingen

Das BMBF fördert seit 2021 zusammen mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur ein Modellprojekt am Forum Wissen der Universität Göttingen. Bis Ende 2026 wird hier erforscht, wie Hochschulsammlungen und interdisziplinäre Forschung in unterschiedlichen Formaten für Wissenschaftskommunikation und Wissenstransfer übersetzt und gesellschaftlich sichtbar gemacht werden können.

Über Sandra Potsch

Dr. Sandra Potsch, *1988, ist seit Februar 2023 Leiterin des Wissensmuseums im Forum Wissen und der Zentralen Kustodie an der Universität Göttingen. Zuvor leitete sie vier Jahre lang das Museum Hölderlinturm in Tübingen. Sie hat Germanistik mit Schwerpunkt auf Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung an den Universitäten Stuttgart und Bamberg studiert und zum Erkenntniswert literarischer Originale im Museum promoviert (transcript 2019). Die museale Bildungs- und Vermittlungsarbeit sowie partizipative Museumsprojekte liegen ihr besonders am Herzen.

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